Vorbemerkungen
Vor zwanzig Jahren wurde in
Hamburg ein Verein gegründet, die "Wohngemeinschaft Jung und Alt"
(WGJA), der es sich zum Ziel setzte, Menschen zusammenzubringen, die in
der Großstadt nach Möglichkeiten suchten, nicht mehr allein
zu leben, nicht mehr isoliert, nicht mehr fremdbestimmt, sondern selber
mitbestimmen wollten, wo, wie und mit wem sie zusammen wohnten.
Schon seit vielen Jahren
wird hier einmal im Monat ein Treffen organisiert: Zum .Kennenlernen, für
gemeinsame Freizeitaktivitäten, Unternehmungen aller Art, vor allem
aber zum Austausch von Informationen über alternative Wohnformen und
die Möglichkeiten, die Wünsche, Träume und Ideen des gemeinsamen
Wohnens in die Realität umzusetzen.
Nach vielen Treffen und Gesprächen
bildet sich eine Gruppe, wächst eine Idee, wird diese Idee zur Planung,
zum Projekt. Es bildet sich eine "Initiativgruppe", die darangeht, ihre
Ideen in die Realität umzusetzen.
Im folgenden wird die Entstehung
der "Wohngenossenschaft Jung und Alt" beschrieben. Es ist nur eine Geschichte
von vielen, denn jedes Projekt hat seine eigene Geschichte. Es gibt so
viele Geschichten, wie es Wohnprojekte gibt, und keine kann eine Gebrauchsanweisung
für Nachahmer sein. Aber in jeder dieser Geschichten wird man Details
finden, die anregen können, ein Problem so oder anders zu behandeln.
Erwähnt sei noch, dass
wir unser Projekt ohne einen sehr weitgehenden emotionalen Einsatz der
meisten Beteiligten niemals hätten verwirklichen können.
Chronologie
1992
Die Initiativgruppe stellt
bei der Stadt Hamburg einen Antrag auf Überlassung eines Grundstückes
im Hamburger Westen, in Flottbek.
Mai 1993
"Anhandgabe" eines Grundstückes
an der Heinrich-Plett-Straße in Flottbek an die Initiativgruppe -
Jetzt sind 18 Monate Zeit,
die MitstreiterInnen zu werben, die Finanzierung sicherzustellen, eine
Planung vorzulegen.
April 1994
Gründung der "Wohnungsbaugenossenschaft
JUNGundALT"
Juni 1995
Der erste Spatenstich
August 1995
Grundsteinlegung
November 1995
Richtfest
Dezember 1995
Eintragung der Genossenschaft
in das Genossenschaftsregister des Amtsgerichtes in Hamburg -
Jetzt fließen die
dringend benötigten Kredite.
Winter 1995/96
Frost - Der Bau liegt über
Wochen still. Die Mitglieder montieren bei klirrender Kälte auf allen
drei Häusern Solaranlagen.
1996
Die "heiße Phase"
- Innenausbau der drei Häuser mit insgesamt 26 Wohnungen unter aktiver
Mitarbeit der Mitglieder -
Alle Räume streichen,
Hilfe bei der Verlegung der Holzfußböden, usw.
Ende 1996
Alle Mitglieder haben ihre
Wohnungen bezogen
1997
Bau eines Fahrradhauses,
Gestaltung der Gartenanlage, Bau eines Spielgeländes für die
Kinder
1998
Bau eines winterfesten Gemeinschafts-
Garten- Spielhauses -
Jetzt können wir unsere
Mitgliederversammlungen und Feiern aus den Wohnzimmern und der Tiefgarage
dorthin verlegen.
Die vorhergehende Übersicht
läßt nicht annähernd erkennen, wieviel tausende von Stunden
ermüdender und harter Arbeit eingesetzt wurden, aber ebenso voller
schöner Erlebnisse, immer mit dem Ziel vor Augen, dem wir uns mit
jedem Handschlag näherten:
-
In Treffen mit neuen Interessenten,
-
in Treffen mit dem Rechtsanwalt,
um eine Satzung zu erstellen,
-
in Sitzungen mit der Architektin,
um im steten Dialog mit allen Beteiligten die Bau- und Wohnungspläne
zu erstellen,
-
in Treffen mit den beteiligten
Behördenvertretern,
-
bei Arbeiten am und im Bau bis
zum endlichen Bezug der Wohnungen.
Mitgliederwerbung
"Drum prüfe, wer sich
ewig bindet, ob sich..."
Zur Zeit der Anhandgabe
im Mai 1993 bestand die Gruppe aus 4 Mitgliedern, der Initiativgruppe,
die sich unverzüglich daran machte, die für die Realisierung
notwendigen Mitglieder zu werben.
Zu den allmonatlichen Informationsabenden
der WGJA kamen Interessentinnen, die zumeist durch Mundpropaganda oder
Veröffentlichungen in der Presse von dem Projekt gehört hatten.
An einem Abend kamen nur
fünf, am anderen dreißig oder mehr. Die einen blieben schon
beim nächsten Treffen weg, die anderen kamen wieder und wollten Einzelheiten
erfahren, und mit diesen traten wir in einen Prozess des Austausches von
Informationen ein, des Kennenlernens:
Wer bist Du? Was tust Du?
Warum willst Du bei uns mitmachen? Kannst Du mithelfen? Entsprichst Du
den von außen vorgegebenen Bedingungen? Kannst Du das notwendige
Geld beschaffen?
Fragen über Fragen
von beiden Seiten
Anfangs, in den ersten Monaten
dieses Gruppenbildungsprozesses, lief das relativ unkompliziert ab:
Irgendjemand, eine Einzelperson
oder ein Paar oder eine Familie, erklärt uns nach einigen wenigen
Treffen, mitmachen zu wollen. Wir freuen uns: Wieder eine mehr! Sie nimmt
nun an der Planung teil, wir schließen sie in die Gruppe ein und
auch in unsere Herzen.
„Du willst mitmachen? Toll!
Wir freuen uns! Wo willst Du wohnen? Südhaus zweiter Stock links ist
noch eine Wohnung frei. Passt ja wunderbar!“
Sie kommt mit zu den Treffen
bei der Architektin, kann mitentscheiden und ihre Wünsche äußern.
Der Grundriss der gewünschten Wohnung wird entsprechend ihren speziellen
Bedürfnissen abgeändert, es werden neue Zeichnungen angefertigt,
und die Architektin berechnet zusätzliche Arbeitszeit.
Zwei Sitzungen später
müssen wir hören, dass aus der Mitarbeit leider doch nichts werden
kann, weil sich die Lebensplanung geändert habe oder das notwendige
Kapital nicht zu beschaffen ist.
Für uns ein doppelter
Rückschlag: Die Gruppe verkleinerte sich wieder. Was aber schwerer
wog, war die Enttäuschung darüber, dass uns jemand verließ,
den wir schon in unsere Herzen geschlossen hatten.
Irgendwann verkündeten
mehrere Familien zugleich, sich von uns wieder trennen zu müssen.
Die Gruppe schmolz auf einen
Schlag auf die Hälfte zusammen, Panikstimmung kam auf. Was passiert,
wenn wir die notwendige Zahl der Mitglieder nun nicht rechtzeitig zusammen
bekommen?
Wir beschlossen, gegen diese
Rückschläge eine Hürde aufzubauen. Von nun an sollten alle
Personen, die sich am Projekt beteiligen wollten, ein Eintrittsgeld von
DM 1000.- bezahlen, bevor sie irgendwelche Forderungen stellen oder sich
an Entscheidungen beteiligen konnten. Traten sie dennoch zurück, verblieb
dieses Eintrittsgeld im Projekt. Die entstandenen Kosten waren gedeckt,
und es blieb der Gruppe ein kleines Schmerzensgeld.
Der Erfolg stellte sich
umgehend ein. Die Zahl der Rücktritte ging erheblich zurück.
Als gegen Ende der Frist
von 18 Monaten die meisten Wohnungen belegt waren, änderte sich das
Auswahlverfahren. Die Angst, nicht genug Leute zu finden, die sich an dem
Projekt beteiligten, schwand. Gleichzeitig wurde sich die Gruppe der Verantwortung
bewusst, die sie in ihrer Rolle der Vermieterin von Wohnraum trug.
Es geschah, dass sich zwei
oder mehr „Neue“ für die gleiche Wohnung interessierten.
Wir mussten uns entscheiden.
Jede Interessentin wurde gesondert eingeladen, konnte Fragen stellen, musste
Fragen beantworten, bekam eine Kontaktperson zugeordnet. Erst nach Kenntnis
aller Bewerberinnen wurde auf einer Folgesitzung abgestimmt, und die Interessentin,
die die meisten Stimmen auf sich vereinen konnte, war gewählt.
Die Auserwählte erklärte
ihren Beitritt, unterschrieb die Beitrittserklärung, und nahm forthin
als vollberechtigtes Mitglied an den Gruppensitzungen teil, war an den
Entscheidungsprozessen beteiligt, stimmte also auch über die nachfolgenden
„Neuen“ mit ab.
Gegen Mitte des Jahres 1995
war die Gruppe weitgehend vollständig, die erste Hürde war genommen.
Andere Projekte in Hamburg, die sich in diesen Jahren bildeten, brauchten
mehr als die doppelte Zeit, ihre Leute zusammen zu bekommen.
Natürlich ist die Befragung
von Interessentinnen allein nicht ausreichend, deren Eignung für so
ein Projekt festzustellen. Gelingt es der einen Person, sich besser darzustellen
als eine andere, ist sie der Gruppe sympathischer, wird sie mehr Stimmen
bekommen als die andere, die vielleicht besser geeignet gewesen wäre.
Diese Erfahrung blieb uns
nicht erspart. Ein Teil der Gruppe fiel auf die gelungene Selbstdarstellung
eines Interessenten regelrecht herein. Dieser bekam die Wohnung, zog ein,
wohnte einige Zeit bei uns, nicht mit uns.
In einem Mietshaus fällt
so ein Mieter vielleicht gar nicht auf. In unserem Projekt, das von der
Kommunikation und den Kontakten der Mieter untereinander abhängig
ist, wo wir miteinander leben und arbeiten, ist dies schwer zu ertragen,
bedeutet das eine Belastung für das Projekt, das auf die Mitarbeit
jedes Mitgliedes angewiesen ist.
Man wird versuchen, eine
falsche Entscheidung zu revidieren. Man wird versuchen, diese Person wieder
loszuwerden. Wenn das nicht gelingt, wohnt sie im ungünstigsten Fall
bei uns bis ans Ende ihrer Tage. Nach dem geltenden Mietrecht kann auch
eine Projektgruppe, die als Vermieterin auftritt, einen Mieter nicht wieder
loswerden, es sei denn, er hat in schwerer Weise gegen die Regeln des Mietvertrages
verstoßen.
Letztlich merkt man am besten
bei der gemeinsamen Arbeit, ob jemand in das Projekt passt und sich für
seinen Fortbestand einsetzt. Und eine Bewerberin weiß auch erst nach
einer gewissen Zeit der gemeinsamen Arbeit, ob diese Gruppe und diese Leute
die richtigen für sie sind. Selbst die richtige Entscheidung für
die richtigen Leute ist keine Garantie für alle Zukunft. Die Zeit
ändert sich, die Menschen ändern sich, ihre Interessen ändern
sich, und es bleibt nichts so, wie es war.
Vergleicht man den zuvor
beschriebenen Ablauf der Mitgliederwerbung bei uns mit der anderer Projekte,
fällt ein bedeutender Unterschied auf:
Bei allen anderen Projekten
- die bekannt sind - standen am Anfang ein paar Leute und eine Idee. Sie
begannen, andere für diese Idee zu begeistern. Erst wenn die Gruppe
weitgehend vollständig war, alle wichtigen Fragen des Zusammenlebens
besprochen und viel Zeit für das Kennenlernen aufgewandt worden war,
tat man sich mit einer Architektin zusammen und besorgte sich das notwendige
Grundstück oder Bauwerk.
Anders bei uns:
Hier war am Anfang eine kleine
Initiativgruppe, die Architektin und ein Grundstück. Dann wurden die
Mitstreiterinnen gesucht. Die Zeit war knapp, wir wurden getrieben von
den Terminen und zeitweise auch von der Sorge, die geplanten Wohnungen
nicht rechtzeitig besetzen zu können. Wir mussten trotzdem immer versuchen
zu erkunden, ob die jeweiligen "Neuen" wegen der Projektidee zu uns kamen
oder nur wegen des Wunsches nach einer attraktiven Wohnung. Die Phase des
Kennenlernens überschnitt sich mit der Bauphase, und so gab es noch,
als die Häuser schon im Rohbau standen, Wechsel in der Besetzung.
Wir sind nicht davon überzeugt,
dass die eine oder die andere Vorgehensweise die richtige ist.
Wir sind uns auch darüber
im klaren, dass eine Entscheidung für das Wohnen in einem Projekt
nicht eine Entscheidung für ewig sein muss. Die Lebensumstände
können sich ändern, und ein Wechsel kann sich als notwendig und
richtig erweisen. Dies bedeutet nicht, dass die zuvor gefällte Entscheidung
falsch gewesen sein musste.
Organisation
Mit zunehmender Mitgliederzahl,
fortschreitender Realisierung des Projektes und Häufung der Arbeit
wuchs zwangsläufig auch der Organisationsgrad der Gruppe.
Seit Dezember 1995 sind wir
eine eingetragene Genossenschaft mit den Organen (Aufsichtsrat, Vorstand,
Mitgliederversammlung (MV) und den Pflichten (Mitgliederliste, Buchhaltung,
Bilanzerstellung, usw), die einer Genossenschaft vom Gesetzgeber auferlegt
werden. So haben wir auch die nach dem Genossenschaftsrecht vorgeschriebene
Satzung erstellt, ebenso eine Hausordnung, in denen alle wichtigen - äußeren
- Fragen des Zusammenlebens geregelt sind.
Bei einer Gruppe unserer
Größe (40 Erwachsene) kann man nicht erwarten, dass die Interessen
aller Mitglieder immer die gleichen sind. Im Konsensgespräch müssen
Kompromissen geschlossen werden. Funktioniert dies nicht, helfen nur Abstimmungen,
um zu einem tragfähigen Beschluss zu kommen. Es gibt Mehrheitserfordernisse,
die in der Satzung festgelegt sind.
Wir verstehen uns als basisdemokratisch.
Die fünf Mitglieder unseres Vorstandes haben weniger Rechte, als sie
in einer Genossenschaft üblich sind, ebenso der Aufsichtsrat. Alle
wichtigen Entscheidungen sollen von möglichst vielen Mitgliedern beschlossen
und getragen werden.
Die zur Beschlussfassung
anstehenden Gegenstände werden in Arbeitsgrpppen (Finanzgruppe, Rechtsgruppe,
Baugruppe, Gartengruppe, Öffentlichkeitsarbeit) vorbesprochen und
der MV zur endgültigen Entscheidung vorgelegt.
Die MV wird von einer Gesprächsleitung
moderiert, die dafür sorgt, dass jedes Mitglied zu Wort kommt, das
sich zu einem Thema meldet. Es wird gewünscht, dass alle Mitglieder
auf der MV anwesend sind, häufig sind leider nur wenig mehr als die
Hälfte der Mitglieder anwesend. Bei allen Sitzungen wird Protokoll
geführt, bei der MV und den Sitzungen von Aufsichtsrat und Vorstand
ist dies Vorschrift und wird vom Dachverband der Wohnungsbaugenossenschaften
kontrolliert.
In letzter Zeit hat sich
noch ein zusätzliches Gremium gebildet, das etwa alle zwei Monate
tagt. In diesem Kreis werden Themen angesprochen, die auf den Sitzungen
der Arbeitsgruppen oder den MV'en keinen Platz finden. U.a. wir hier über
die dringend anstehende Änderung der Arbeitsaufteilung nachgedacht.
Außerdem wird eine
Geschäftsordnung für die Mitgliederversammlung entwickelt, um
diese effektiver und stressfreier zu gestalten.
Grundsätzlich haben
alle Mitglieder Zugang zu allen Gruppen und ihren Sitzungen, aber es ist
leider so, dass dort eher zu wenig auftauchen als zu viele.
Nun soll hier nicht der Eindruck
entstehen, als seien wir eine Gruppe von Sitzungsfanatikern. Aber im Laufe
der Jahre mussten wir erkennen, dass alle diese oben beschriebenen Organe
notwendig sind, um die Erhaltung und den Fortbestand unseres Projektes,
genauer: der Genossenschaft zu gewährleisten.
Zusammengenommen werden
von den Mitgliedern also viele Stunden für das Projekt aufgewandt.
Nicht zuletzt sind ja auch noch alle die Tätigkeiten zu verrichten,
die im Zusammenhang mit dem Eigentum von Haus und Garten ohnehin anfallen.
Unsere Häuser
Die Stadt Hamburg verpachtete
uns ein Grundstück mit 3700 Quadratmetern.
Entsprechend den Vorgaben
des Bebauungsplans bauten wir drei Häuser mit quadratischem Grundriss
(16,5m x 16,5m) mit Erdgeschoss und zwei Stockwerken, in jedem Stockwerk
drei Wohnungen, von denen die obersten teilweise als Maisonnetten ins Dachgeschoss
hinaufreichen.
Die Wohnungsgrößen
liegen zwischen 48 und 115 Quadratmeter. In jedem Stockwerk befindet sich
generell eine Wohnung für eine Einzelperson (ca 50 qm), eine Wohnung
für zwei Personen (70 bis 80 qm) und eine größere Wohnung
für eine Familie (90-110 qm)
Alle 26 Wohnungen haben große
Fenster, einen Erker, Holzfußböden. Unter einem der drei Häuser
befindet sich eine Tiefgarage.
Auf allen drei Dächern
montierten wir selbst eine thermische Solaranlage, die den Warmwasserbedarf
im Sommerhalbjahr weitgehend deckt. Unter den Rasenflächen des Gartens
liegen zwei Tanks der Regenwasseranlage, die die Toiletten mit Spülwasser
versorgen soll und uns viel Ärger bereitet.
Im Sommer 1997 errichteten
wir in Eigenarbeit ein hölzernes Fahrradhaus mit Grasdach, desgleichen
bauten wir ein Spielgelände für die Kinder, im darauffolgenden
Jahr ein winterfestes Gemeinschaftshaus. Hier halten wir seither unsere
Mitgliederversammlungen ab. Aber wir nutzen es auch auf vielfältige
Weise für Feste der ganzen Gruppe wie auch für private Feiern.
Der Garten, das Wohnzimmer
aller Projektteilnehmer während der warmen Jahreszeit, wurde von einem
Architekten entworfen und mit viel Aufwand und Liebe von den Projektteilnehmern
gestaltet und zu dem gemacht, was er jetzt ist: Platz zum Spielen für
die Kinder, ein Flüsschen, in dem sie planschen können, Grasflächen
zum Entspannen für die Erwachsenen Hängematten zwischen Bäumen,
Platz für das Osterfeuer, zum Grillen.
Bei der Verteilung der Wohnungen
galt das Prinzip: Wer neu in die Gruppe kommt, kann sich unter den noch
freien Wohnungen eine aussuchen, die seinen Vorstellungen entspricht. Es
galt also das Motto: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Ein für ein Wohnprojekt
vielleicht nicht sehr soziales Motto, aber wir sahen keine bessere Möglichkeit
der Verteilung, weil die Wohnungen ja schon während der Zeit der Anwerbung
der Mitglieder entsprechend unseren Bedürfnissen und Wünschen
konzipiert wurden, wir also an der Gestaltung der Grundrisse mitarbeiteten.
Die zuletzt Gekommenen mussten
die Grundrisse ihrer Wohnungen so akzeptieren, wie sie sie vorfanden.
Dieses Problem tritt bei
einer Gruppe, die sich erst vollständig zusammenfindet und dann an
die Beschaffung des Wohnraumes geht, so nicht auf. Allerdings wird es immer
schönere und weniger schöne Wohnungen geben und damit auch Interessenkonflikte.
Noch ein Problem:"Leicht
beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die
Sachen". Bei der Verteilung der Bewohner auf die drei Häuser wurden
Fragen ausgeklammert oder nicht bedacht, deren Wichtigkeit jetzt, da sie
zusammen wohnen, in den Vordergrund rückt. Als Beispiel sei hier das
Problem der Lärmbelästigung genannt. Freuten sich in der Planungsphase
noch die "Ersatzomas, -opas, -onkel und -tanten" auf die "Ersatzkinder
und -enkel", so fühlen sie sich jetzt durch den Lärm gestört.
Bei einer nochmaligen Verteilung
der Wohnungen würden wir dies Problem in anderer Weise berücksichtigen:
Vielleicht ziehen die Familien mit Kindern in das eine Haus, die Lärmempfindlichen
in das andere? Oder man muss bei der Erstellung der Bausubstanz stärker
auf die Geräuschdämmung achten.
Finanzen
Durch die Richtlinien für
den öffentlich geförderten genossenschaftlichen Wohnungsbau ist
festgelegt, wieviel Quadratmeter das einzelne Genossenschaftsmitglied entsprechend
seinem jeweiligen Familienstand beanspruchen kann.
Jedes Mitglied musste einen
Geschäftsanteil (à DM 700) pro beanspruchten Quadratmeter Wohnraum
erwerben. Das bedeutet für eine Wohnung von 100 qm 100 Geschäftsanteile,
also DM 70 000.-. Für die kleinsten Wohnungen (48 qm) immer noch DM
33 600.-.
Für viele war diese
Bedingung der Grund, schweren Herzens wieder aus dem Projekt auszusteigen.
Wir konnten dies nicht verhindern, weil niemand von uns in der Lage gewesen
wäre, neben den eigenen Verpflichtungen noch die anderer zu tragen.
So kam bei 2000 qm Wohnfläche
eine Summe von DM 1.400.000 zusammen.
Von einer Bank kam eine
Hypothek in Höhe von ca. DM 500 000.-
Die WK bewilligte einen
Kredit von ca. DM 5 500 000.-
Die Kaltmieten (DM 10,80/qm
im ersten Förderungsweg und DM 13,65/qm im dritten Förderungsweg)
dienen zur Tilgung der Darlehen und Bildung von Rücklagen entsprechend
den gesetzlichen Bestimmungen.
Wie wir jetzt zusammen
leben
Seit Ende des Jahres 1996
wohnen wir nun zusammen in einem der schönsten Stadtteile Hamburgs,
auf einem Grundstück mit viel Platz zum Spielen für die Kinder,
auf der einen Seite der Botanische Garten, auf der anderen Seite Villenbebauung,
mit einem Flüsschen, der Flottbek, die dem Stadtteil ihren Namen gab,
leider an einer relativ befahrenen Straße, 10 Fußminuten bis
zur Elbe.
In den 26 Wohnungen wohnen
40 Erwachsene im Alter von 30 bis 80 und 21 Kinder und Jugendliche von
1 bis 17 Jahren. Singles ohne Kinder, alleinerziehende Frauen, keine alleinerziehenden
Männer, Paare ohne Kinder, Paare mit 1 bis 3 Kindern. Buntgemischt
also Jung und Alt, wie der Name unserer Genossenschaft sagt.
Haupttreffpunkt ist im Winter
das Gartenhaus, wo die Mitgliederversammlungen und Arbeitsgruppensitzungen
stattfinden, mehr Arbeit als Vergnügen. Aber hier werden auch Geburtstage
gefeiert, hier erwarten die Kinder den Nikolaus, wir treffen uns zum Sylvesteressen,
die Jugendlichen richten für Freunde Partys aus usw.
Im Sommer ist der Garten
voller Leben. Wann immer das Wetter es zuläßt, herrscht hier
ein buntes Treiben. Nicht alle wollen den Garten pflegen, aber alle wollen
bei seiner Gestaltung mitreden, mitentscheiden. Die Jugendlichen wollen
auf den Rasenflächen Fußball spielen, ihre Eltern befürworten
dies, andere sind dagegen.
Notfalls regelt die MV, was
nicht anders zu klären ist, es werden Entscheidungen gefällt,
an die sich die Mitglieder halten.
Als eines der zentralen Probleme
beschäftigt uns momentan die Arbeitsverteilung:
Ein Wohnprojekt wie das
unsere lebt von der Idee, dass alle Mitglieder die gleichen Rechte und
Pflichten haben. Dies ist in einer Genossenschaft, in der alles nach vorgegebenen
Regeln funktioniert, leichter zu realisieren als bei einer Gruppe wie der
unseren, die irgend etwas ist zwischen Großfamilie und Genossenschaft.
Nicht alle Mitglieder beteiligen
sich in zufriedenstellender Weise an der Arbeit in den Arbeitsgruppen oder
der MV, was für die anderen Mehrarbeit und Frust bedeutet.
Bisher galt das Prinzip:
Jedes Mitglied soll entsprechend seinen Möglichkeiten und Interessen
in einer von ihm selbst gewählten Arbeitsgruppe mitarbeiten. Keiner
wird gezwungen, bestimmte Arbeiten zu erledigen oder eine bestimmte Menge
an Arbeit zu tun. Es soll kein moralischer Druck ausgeübt werden.
Diese Meinung vertreten natürlich
vor allem die Mitglieder, die eher weniger tun als die anderen, die die
Hauptlast der Arbeit und auch der Verantwortung tragen.
Inzwischen haben wir uns
entschlossen, einen Teil der Verwaltungsarbeit zu delegieren, was hoffentlich
den Arbeitsdruck erheblich vermindern wird.
Das Problem der Wissens-
und Machtkonzentration ist damit jedoch nicht gelöst. Wir bleiben
im Gespräch, bis wir eine Lösung gefunden haben.
Wir haben in den inzwischen
drei Jahren des Zusammenlebens gelernt, dass die Klärung von Konflikten,
die durch das Zusammenwohnen, durch das Nebeneinander verschiedener Interessen
entstehen, oft lange dauern und mühevoll und beschwerlich ist. Aber
sie werden bei uns angegangen, und es wird eine Lösung oder ein Kompromiss
gefunden, an den sich die Mitglieder halten.
Wohnprojekte wie das unsere,
so sie denn funktionieren, sind soziale Kunstwerke, und es ist viel guter
Wille und Einsatz aller Beteiligten notwendig, sie zu erhalten.
Martin F. Röhrig
Heinrich-Plett-Straße
31
22609 Hamburg
e-mail: mfroehrig@aol.com
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